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Unscharfe Logik zur Beurteilung von gehonten Zylinderlaufflächen für Verbrennungsmotoren
Dipl.-Ing. (FH) Ulrich Lenhof; Dr.-Ing. Arnim Robota, AE Goetze GmbH
Veröffentlichungsnotiz: HONEN in Forschung und industrieller Anwendung: 3. Fachtagung am 27. und 28. September 1995 in Braunschweig / Institut für Werkzeugmaschinen und Fertigungstechnik, Technische Universität Braunschweig. Überarbeitet Januar 1997: Beurteilung von gehonten Zylinderlaufflächen für Verbrennungsmotoren, Dipl.-Ing. (FH) Ulrich Lenhof; Dr.-Ing. Arnim Robota, AE Goetze GmbH.
1. Einleitung
Der AE Goetze Honatlas stellt ein Bewertungssystem für die Qualität einer Graugußzylinderlauffläche für Verbrennungsmotoren dar. Dieses Bewertungssystem wurde von Praktikern für Praktiker mit dem Ziel geschaffen, über Jahre gewonnene Erfahrung einem größeren Kreis von Anwendern nutzbar zu machen. Der 1987/88 eingeführte AE Goetze Honatlas basiert auf der Auswertung eines Faxfilmabdruckes sowie eines Rauheitsschriebes der Zylinderlauffläche. Die Beurteilung der Honung erfolgt nach der Methode der gewichteten Summen (Bild 1).
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Bild 1: Anwendung der Methode der gewichteten Summen |
Meßbare Bewertungskriterien (Honwinkel, Rauhtiefe, etc.) werden durch den Anwender von Hand ausgewertet und erhalten ihre Note mittels im AE Goetze Honatlas hinterlegter Stufenfunktionen (Bild 2). Nicht direkt meßbare Bewertungskriterien (Riefenorientierung, Plateaubildung, etc.) müssen vom Beurteiler an Hand beiliegender Tafeln mit Musterhonungen benotet werden. Für jedes Kriterium werden Noten zwischen 1 (sehr schlecht) und 10 (sehr gut) vergeben.
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Bild 2: Stufenfunktion des Riefenabstandes |
Seit der Erstveröffentlichung des AE Goetze Honatlas haben sich die Zielkriterien der
Bewertung verschoben (z.B. strengere, durch den Gesetzgeber vorgegebene,
Abgasgesetzgebung). Eine Minimierung der durch subjektive Auswertung von Merkmalen
gegebener Einflüsse (z.B. vom Anwender durch manuelle Auswertung zu definierende Lage der
Rauhtiefe) sollte erfolgen. Der hohe, vom Anwender auszuführende Auswerteaufwand, ist
nicht mehr zeitgemäß und soll durch ein PC-gestütztes Auswertesystem ersetzt werden.
Aus diesen Gründen ist eine Überarbeitung des AE Goetze Honatlas erforderlich geworden.
Das hier vorgestellte System erfüllt diese Voraussetzungen und kann auch auf zukünftige
Änderungen reagieren.
Da die Bewertung einer Zylinderlauffläche das Problem einer Vielzahl von
Unsicherheitsfaktoren hat, die nicht zu vermeiden sind, wohl aber in der Verarbeitung
berücksichtigt werden müssen, bietet sich die Anwendung der Fuzzy Logik an. Außerdem
ist mit der DIN 4776 ein genormtes Verfahren erschienen, das eine funktionsgerechte
Beschreibung der Rauheit, vor allem bei mechanisch hoch beanspruchten Kontaktoberflächen,
erlaubt. Eine direkte Umsetzung von Meßergebnissen aus dem bisherigen AE Goetze Honatlas
in Kenngrößen gem. DIN 4776 war aufgrund der verschiedenen Meßverfahren und
Meßgeräteeinstellungen nicht möglich und erforderte umfangreiche neue Untersuchungen.
Fuzzy Logik und DIN 4776 werden im überarbeiteten AE Goetze Honatlas angewand und im
folgenden näher beschrieben.
2. Einführung in die Fuzzy-Logik
2.1. Argumente für die Anwendung unscharfer Algorithmen
Die
Theorie der unscharfen Mengen wurde 1965 durch den amerikanischen Elektronikprofessor
Lotfi Zadeh entwickelt. Die Grundidee dieser mathematischen Disziplin bestand darin, zu
versuchen, das menschliche Denken mit Begriffen der natürlichen Sprache und nicht mit
traditionellen mathematischen Apparaten nachzubilden.
Die Fuzzy Logik hat in der Zwischenzeit längst die Abgeschiedenheit mathematischer
Studierstuben verlassen und hat sich in die rauhe Wirklichkeit technischer Realisierungen
begeben. Besonders in der Regelungstechnik hat die Fuzzy Logik in den letzten Jahren ihren
festen Platz gefunden. Die Anwendung der Fuzzy Logik empfiehlt sich besonders bei
Problemstellungen, die folgende Merkmale aufweisen [1]:
All
diese genannten Eigenschaften treffen auch auf ein System zur Bewertung von
Zylinderlaufflächen zu.
Angesichts der Hypothese "Der Mensch denkt nicht mit Zahlen, sondern mit ungenauen
Begriffen" (L. Zadeh) scheint die Verbindung von Fuzzy Logik und künstlicher
Intelligenz nur natürlich zu sein. Für die Weiterentwicklung des AE Goetze Honatlas
wurde deshalb nach einer Verarbeitungsmethode gesucht, die in der Lage ist, mit
Unsicherheiten behaftetete Eingangsgrößen und Wichtungen von Bewertungsfaktoren
untereinander zu verarbeiten. Dabei sind drei Arten von Unsicherheiten zu unterscheiden
[4]:
Solche Unsicherheiten lassen sich sowohl bei der Bewertung der Rauheit , des Faxfilmes als auch bei der Bewertung der Honung in ihrer Gesamtheit (Bildung der Gesamtnote) finden (Bild 3).
| Bild 3: Unsicherheiten bei der Bewertung der Rauheit |
2.2. Grundbegriffe der Fuzzy Logik
Um ein Grundverständnis für die Fuzzy Logik zu erzeugen, sollen im folgenden die vier Grundelemente der Fuzzy Logik erläutert werden:
| Linguistische Variable | => | Menschliche Begriffe |
| Produktionsregeln | => | Menschliches Schließverhalten |
| Fuzzy-Operatoren | => | Menschliches Aggregationsverhalten |
| Linguistische Approximation | => | Übersetzung linguistischer in technische (Fuzzifizierung/Defuzzifizierung) Größen |
Die Problematik einer Schwellenlogik läßt sich beispielsweise erahnen, wenn es darum geht, solche Begriffe wie "hohes Fieber" oder "erhöhte Temperatur" zu beschreiben. Die Definition einer linguistischen Variablen bei der Regelung eines Wasserboilers anhand des Begriffes "Temperaturdifferenz" wird im folgenden gezeigt (Bild 4). In diesem Beispiel wird die linguistische Variable über drei Terme dargestellt, die als Bereiche den gesamten Definitionsbereich überdecken. Die Ordinate der Definition stellt die sogenannte Zugehörigkeitsfunktion dar, die hier Werte zwischen 0 und 1 annehmen kann. Der Term "Normal" erreicht mit einem Wert von 1 das Maximum seiner Zugehörigkeitsfunktion bei einer Temperaturdifferenz von Null. Das bedeutet, daß die Temperaturdifferenz gleich Null mit einer Wahrscheinlichkeit von 1.0 zur normalen Temperaturdifferenz gehört. Eine Temperaturdifferenz von 1 K dagegen gehört mit einer Zugehörigkeitsfunktion von 0.8 zum Ereignis "Normal", mit 0.2 zum Ereignis "ZuKalt". In der Umgangssprache könnte man diesen Sachverhalt etwas umständlich mit "Das Wasser ist etwas zu kalt, hat aber schon normale Temperatur" ausdrücken.
| Bild 4: Beispiel für die Definition der linguistischen Variablen "Temperaturdifferenz" in einer Regelung |
Die in einem Fuzzy System enthaltene Wissensbasis wird in Form von sogenannten Produktionsregeln festgelegt. Solche Regeln sind hinlänglich aus der klassischen Logik bekannt und besitzen immer die Syntax:
WENN "eine Vorbedingung gilt" DANN "ziehe eine Schlußfolgerung"
Solch eine Regel könnte bei unserem Beispiel lauten:
WENN TempDiff = Normal UND WasserVentil = Offen DANN GasVentil = Offen
Die
zu Regelblöcken zusammengefaßten Regeln stellen wesentliche Elemente der Struktur eines
Fuzzy Systems dar. Innerhalb eines Regelblockes kann jeder Regel eine Plausibilität
zugewiesen werden, die letztendlich eine Wichtung der Regeln darstellt.
Die Fuzzy Operatoren zur Verknüpfung unscharfer Mengen sind mit den Operationen der
klassischen Mengenlehre vergleichbar. Ein in der Aggregation von Fuzzy Mengen sehr
verbreiteter Operator ist der MIN-Operator. Dabei wird Aggregation die Methode genannt,
mit der in der Fuzzy Logik die Gültigkeit einer WENN-Verknüpfung ermittelt wird. Die
Anwendung dieses Operators bedeutet, daß sich im Ergebnis der Bedingung die unscharfe
Menge mit der geringeren Zugehörigkeitsfunktion durchsetzt. Nachfolgend eine schematische
Berechnungsvorschrift für zwei sehr einfache Regeln anhand des oben schon erwähnten
Wasserboilers (Bild 5). Der MIN-Operator wird hier zur Aggregation der Variablen innerhalb
einer Regel verwendet, während der MAX-Operator Regeln zusammenfaßt, die verschiedene
Vorbedingungen (WENN), aber gleiche Schlußfolgerungen enthalten (DANN).
| Bild 5: Demonstrationsbeispiel für Fuzzy Operatoren und deren Verwendung |
Als Abschluß dieses Kurzausfluges in die Grundlagen der Fuzzy Logik sollen Möglichkeiten gezeigt werden, technische Größen in linguistische Variablen umzuwandeln und umgekehrt. Das dargestellte Beispiel (Bild 4) zeigt bereits die Übersetzung des Meßwertes "Temperaturdifferenz" in die linguistische Variable "TempDiff". Der senkrechte Strich dokumentiert den Temperaturwert von +1 K und läßt die Zugehörigkeit zum Term "Normal" mit 0,8 und zum Term "ZuKalt" mit 0,2 ablesen. Diese Zuordnung nennt man Fuzzifizierung. Die Verarbeitung dieser Zugehörigkeitswerte durch die Aggregation ist dargestellt (Bild 5). Der umgekehrte Fall ist die Defuzzifizierung, wobei unscharfen Mengen mit ihren Zugehörigkeitsfunktionen wieder in scharfe Ausgangsgrößen umgewandelt werden. Eine verbreitete Methode ist die Bildung des Flächenschwerpunktes über alle unscharfen Mengen mit einer resultierenden Zugehörigkeitsfunktion größer als 0.
3. Weiterentwicklung des AE Goetze Honatlas
3.1. Bewertung des Rauheitsschriebes auf Basis der DIN 4776
Grundlage
für die Bewertung des Rauheitsschriebes sollte eine weit verbreitete und in der Industrie
anerkannte Rauheitsmeßmethode sein. Für die Rauheitsmessung beim überarbeiteten AE
Goetze Honatlas wird deshalb ein handelsübliches Rauheitsmeßgerät mit einem
feinmechanischen Frei- oder Bezugsflächentastsystem verwendet, welches einen
zweidimensionalen Tastschnitt erstellt und auswertet.
Ein Bezugsflächentaster wird verwendet, da er die geringste Verfälschung bei der
Abtastung der zu untersuchenden Oberfläche liefert. Die Empfindlichkeit dieses
Tastertypes auf Schwingungen muß beachtet und ggf. müssen Abhilfemaßnahmen getroffen
werden.
Sind, wie allgemein üblich, bei der prozeßnahen Oberflächenkontrolle keine
Freitastsysteme im Einsatz, müssen diese nachgerüstet werden, oder es müssen
Korrelationskoeffizienten für die zu kontrollierende Honung zwischen Freitastsystem und
verwendetem Kufentastsystem ermittelt werden, da Kufentastsysteme abhängig von ihrer
Bauart und von der zu untersuchenden Oberfläche die Ursprungsmeßdaten beeinflussen.
Korrelationskoeffizienten sind in der Regel für einen definierten Bearbeitungsprozeß mit
kleinen Änderungen in der Oberflächentopografie möglich. Bei großen Streuungen der
Oberflächentopografie ist dieses Verfahren nicht anwendbar, und es muß ein
Freitastsystem verwendet werden.
Mit dem Freitastsystem (Spezifikation siehe Anhang 1) wird nun die zu untersuchende
Oberfläche über eine Tastlänge von 17,5 mm abgetastet. Aus diesen Rohdaten wird das
Rauheitsprofil gem. DIN 4776 bei einem cut off von 2,5 mm herausgefiltert. Ein cut off von
2,5 mm statt 0,8 mm wurde gewählt, um Ausrichtungenauigkeiten, die bei der Messung an
gekrümmten Flächen mit einem Freitaster entstehen, bestmöglich herauszufiltern.
Weiterhin minimiert ein größerer cut off die bei einzelnen tiefen und breiten Riefen
vorgetäuschten Materialaufwürfe im Rauheitsprofil.
Bei den umfangreichen Untersuchungen der AE Goetze GmbH wurden Honungen gefunden, die bei
sehr ähnlichen Rauheitskenngrößen gem. DIN 4776 deutlich unterschiedliche
Rauheitsschriebe zeigten (Bild 6 und 7). Es wird daher zusätzlich eine Riefenzählung auf
dem Schnittniveau am Ende von Rk vorgenommen, woraus dann der Riefenabstand berechnet wird
(Definition siehe Anhang 1). Diese zusätzliche Auswertung macht eine Unterscheidung
vermeintlich gleicher Honungen aufgrund des Riefenabstandes wieder möglich.
| Bild 6 Oberfläche mit 100 µm Riefenabstand |
| Bild 7 Oberfläche mit 65 µm Riefenabstand |
Die so gefundenen Kenngrößen des Rauheitsschriebes werden nun in ein rechnergestütztes Auswertesystem überführt und die Zwischennote der Bewertung des Rauheitsschriebes wird errechnet.
3.2. Bewertung des Faxfilmes
Für die visuelle Beurteilung der Zylinderlauffläche wird weiterhin die fotografische
Aufnahme eines Faxabdruckes herangezogen. Die Erstellung der Fotos erfolgt im
Durchlichtverfahren bei 25-facher Vergrößerung als Übersichtsaufnahme und bei
100-facher Vergrößerung als Detailaufnahme. Dieses Verfahren wird beibehalten, da es
schnell, preiswert und zerstörungsfrei hinreichende Aufschlüsse über die Qualität der
Zylinderlauffläche gibt. Die sichere Auswertung eines solchen Abdruckes setzt jedoch eine
umfangreiche Grunderfahrung bei der Beurteilung von Oberflächen voraus. Diese sollte sich
der Beurteiler durch weiterführende Untersuchungen an Oberflächenproben z.B. mittels REM
angeeignet haben.
An den vorliegenden Fotos wird der Honwinkel bestimmt. Danach wird die Riefenorientierung
der zu bewertenden Oberfläche vom Beurteiler in dem Bereich von sehr einseitig (schlecht)
bis gleichmäßig beidseitig (gut) eingestuft (Definition siehe Anhang 2).
Die Bewertung hinsichtlich Blechmantelbildung, Schnitt und Ausbildung der Riefen erfolgt
anhand ausgewählter Musterhonungen, die dem AE Goetze Honatlas beiliegen (siehe Anhang
3.1 bis 3.8). Das Bewertungsspektrum umfaßt fünf Stufen mit den Bereichen schlecht bis
sehr gut. Einzel- oder Doppelnennungen zweier nebeneinanderliegender Bewertungsstufen sind
bei Riefenorientierung und Riefenausbildung möglich. Zur besseren Einstufung
letztgenannter Merkmale können zusätzlich Querschliffe angefertigt werden.
Zur Weiterverarbeitung werden der Honwinkel als Zahlenwert, die Riefenorientierung und
Riefenausbildung als Terme der betreffenden linguistischen Variablen in die
Auswertesoftware eingegeben und die Zwischennote der Faxfilmbeurteilung ermittelt.
3.3. Struktur des Bewertungssystems
Die Eingänge des überarbeiteten Bewertungssystems bestehen, wie im alten AE Goetze
Honatlas, aus den qualitativen Größen, die aus dem Rauheitsschrieb, sowie dem Faxfilm
ermittelt werden. Dabei hat die Rauheit einen wesentlichen Einfluß auf die
Schmiermittelaufnahme des Motors, auf seinen Ölverbrauch und seine Emissionen.
Die Topografie einer Oberfläche wird durch die DIN 4776 in drei Bereiche eingeteilt:
Spitzenbereich, Kernbereich und Riefenbereich (siehe Anhang 1). Die obere Grenze des
Kernbereiches weist einen relativ geringen Materialanteil auf. Dieses Material ist nach
einer kurzen Zeit des Einlaufes abgearbeitet. Die Rechengröße "Oelvolumen zu
Beginn" Oel_V_B berechnet sich damit aus der Riefenfläche unterhalb der obere Grenze
des Kernbereiches. Der Kernbereich stellt den Bereich der Honung dar, der während der
Lebensdauer des Motors verschleißen darf. Das "Oelvolumen am Ende" Oel_V_E
entspricht der Riefenfläche unterhalb der unteren Grenze des Kernbereiches (A2). Dem
ersten Regelblock gehen Vorberechnungen voraus, die das Ölhaltevolumen bei einem jungen
(Oel_V_B) und einem in der Lebensdauer fortgeschrittenen Motor (Oel_V_E) nachbilden
sollen. Wie Bild 8 zeigt, gehen diese beiden Hilfgrößen zusammen mit der Kernrautiefe RK
(RK), die ein Maß für die mechanische Belastbarkeit des Profils darstellt, und der unter
3.1. beschriebenen Riefenanzahl in den Regelblock "Topographie" ein. All diese
Meß- oder Rechengrößen werden als scharfe Werte eingegeben und durchlaufen eine
Fuzzifizierung, wodurch sie in den Regelblöcken verarbeitet werden können.
Die fünfte Eingangsgröße zur Ermittlung der Zwischennote "Topographie" ist
der Typ der untersuchten Honung. Der dem Block Topographie" vorgelagerte
Regelblock "Hontyp" unterscheidet dabei zwischen Normalhonung und Plateauhonung,
sowie einem Typ "unbestimmt", der eine Charakteristik zwischen beiden Typen
beschreibt. Beide Honungstypen besitzen eine Existenzberechtigung. Die Entscheidung über
die Realisierung des einen oder des anderen Honungstyps trifft der Motorenhersteller nach
den funktionellen Anforderungen und den Voraussetzungen im Fertigungsablauf. Für den
Regelblock "Topographie" wird damit jeweils ein Optimum für Normalhonung und
Plateauhonung festgelegt. Die jeweiligen Empfehlungen für Normal- und Plateauhonung, die
der Wissensbasis in diesem Regelblock zugrunde liegen, sind in Anhang 4 zusammengestellt.
Die aus der Auswertung des Faxfilms gewonnenen Größen werden im Regelblock
"Faxfilm" verarbeitet. Neben der Eingabe des Honwinkels gibt man die
Riefenorientierung und Riefenausbildung in den Regelblock ein, wie sie der Auswertung
gemäß Abschnitt 3.2. gewonnen wurde. Die Besonderheit bei dieser Eingabe ist, daß die
ausgewählten Terme der linguistischen Variable direkt angesprochen und nicht erst in
einen scharfen Wert umgewandelt werden. Durch das System wird die Eingabe eines oder
zweier benachbarter Terme zugelassen.
| Bild 8: Struktur des Fuzzy Systems zur Bewertung von Zylinderlaufflächen |
Als Ausgangsgröße des Systems wird nach einer Defuzzifikation eine Gesamtnote gebildet,
die sich wie im bisherigen AE Goetze Honatlas zwischen 1 und 10 bewegen kann. Zusätzlich
enthält die Struktur Ausgabeblöcke für die Zwischennoten "Faxfilm",
"Topographie", sowie "Hontyp", um zusätzliche Informationen zur
Verfügung zu stellen, die ggf. bei der Identifizierung von Problembereiche der
untersuchten Probe helfen können.
Die oben beschriebene und dargestellte Struktur des Fuzzy Systems (Bild 8) wurde mit der
Software "fuzzyTECH" und unter Mitwirkung der Firma INFORM aus Aachen
entwickelt.
3.5. Vorgehen zum Abschöpfen des Expertenwissens
Beim Erarbeiten des Bewertungssystemes wurden zwei unterschiedliche Vorgehensweisen
gewählt, um die Wissensbasis für die Regelnblöcke zu gewinnen.
Der Regelblock "Hontyp" stellt eine Identifikationsaufgabe in einem
n-dimensionalen Merkmalsraum dar. Andererseits läßt sich aus dem Rauheitsschrieb mit
einiger Erfahrung erkennen, welcher Typ von Honung vorliegt. Zur Auswertung dieser
Zuordnung lagen in einer Datenbank bereits die Daten von mehr als 100 Proben vor, die
unter Anwendung der DIN 4776 gewonnen wurden. Im Anschluß wurde so vorgegangen, daß ein
kleines Expertenteam anhand der vorhandenen Unterlagen jede Probe in eine der Kategorien
"Normalhonung", "Plateauhonung", "unbestimmte Honung"
einordnete. Eine Probe wurde in der Kategorie "unbestimmte Honung" zugeordnet,
wenn eine Entscheidung zwischen Normal- und Plateauhonung nicht möglich war,
beispielsweise bei einer gebürsteten Honung.
Die so ausgewerteten Rauheitsmeßdaten wurden einschließlich der Kennung für den
eingeschätzten Hontyp zu einem Beispielfile zusammengestellt und einem neuronalen Netz in
der Trainingsphase übergeben (Bild 9). Das Netz berechnet mit den Eingangsdaten die
Antwort des bestehenden Systems und ermittelt die Differenz zwischen Systemantwort und den
Ausgangsdaten der Beispieldatensätze. Nach jeder Abarbeitung der Beispieldaten wird das
Netzwerk mit dem Ziel verändert, diese Differenz in Richtung Null konvergieren zu lassen.
Werden Grundelemente eines Fuzzy Systems durch die Kanten eines neuronalen Netzes
dargestellt, spricht man von Neuro Fuzzy Technik.
| Bild 9: Trainings- und Arbeitsphase neuronaler Netze (nach [7]) |
Für den Regelblock "Faxfilm" konnte das Wissen aus dem ursprünglichen AE
Goetze Honatlas unverändert umgesetzt werden. Dazu wurde ein Datenfile erarbeitet,
welches mit einer geeigneten Schrittweite im Honwinkel alle sinnvollen Kombinationen der
Eingangsgrößen des Regelblockes "Faxfilm" kombinierte. Die
Berechnungsvorschrift für die Teilnote Faxfilm aus dem alten AE Goetze Honatlas ist
bekannt, so daß in einer Tabellenkalkulation die Teilnote für jede Eingangskombination
errechnet werden konnte. Damit hat man wieder den Rahmen zwischen Ein- und Ausgangswerten,
über den das Neuro Fuzzymodul die Regelnbasis ermitteln kann. Eine analoge Vorgehensweise
konnte für den Regelblock "Bewertung" angewendet werden.
Grundsätzlich anders mußte bei der Festlegung der Regeln für den Regelblock
"Topographie" vorgegangen werden. Die Wissensbasis für die Bewertung der
Rauheit soll sich in der entgültigen Ausbaustufe aus drei Quellen zusammensetzen:
Für das jetzt vorliegende System wurden aus 1. und 2. die Empfehlungen in Anhang 4 für
die Rauheit von normal- und plateaugehonten Oberflächen erarbeitet, mit deren Hilfe ein
Grundgerüst von Regeln für den Regelblock "Topographie" aufgestellt werden
konnte. Für Oberflächen mit unbestimmten Typ wurde zwischen den Regeldefinitionen für
Normal- und Plateauhonung vermittelt.
Die Optimierung der Regeln wurde mit Hilfe der Ergebnisse einer Expertenbefragung
vorgenommen. Dazu wurden den Experten Sätze mit kompletten Unterlagen von realen
Zylinderhonungen vorgelegt. Die Unterlagen enthalten die Faxfilmbilder der Honungsprobe,
den Rauheitsschrieb mit allen Rauheitskenngrößen nach DIN 4776 und einem Fragebogen.
Dieser Fragebogen ist entsprechend der Struktur und der unscharfen Variablen des
Bewertungssystems aufgebaut. Er ließ nach der Auswertung aller Expertenantworten den
Aufbau einer Beispieldatei zum Test einzelner Regelblöcke zu.
4. Ausblick
Der vorgestellte AE Goetze Honatlas ist als Prototyp eines PC gestützten Systemes bei der
AE Goetze GmbH installiert und in der täglichen Anwendung. Dieses lebende System
unterliegt einer ständigen Weiterentwicklung. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, sind
für die nähere Zukunft folgende Schwerpunkte gesetzt worden:
Durchführung und Auswertung von gezielten Motorenversuchen zum Einfluß der Mikro- und
Makrostruktur der Zylinderhonung, um die Wissensbasis des AE Goetze Honatlas zu
unterlegen.
Durch
das zu schaffende Beurteilungssystem sollen außer einer Bewertung noch weitere, auf die
Oberfläche der Zylinderlauffläche bezogene, Fragen beantwortet werden. Im endgültigen
Ausbau kann die Beurteilung von Zylinderlaufflächen auf drei Ebenen erfolgen (Bild 10).
Ebene 1 stellt eine Bewertung im Sinne einer Einordnung von Honungsproben in eine Skala
entsprechend der festgelegten Bewertungskriterien dar und entspricht dem oben gezeigten
System.
| Bild 10: Ebenen des Beurteilungssystems: Bewerten - Identifizieren - Diagnostizieren |
Gleichfalls von praktischem Interesse ist die Ebene 2 mit der Identifikation einer
gefertigten Oberfläche nach ihrem Verhalten im eingelaufenen Zustand. Sie soll die
Beantwortung der Frage erlauben, wie sich eine Änderungen im Fertigungsprozeß der Honung
auf die Topografie der bereits gelaufen Oberfläche auswirkt. Die Erkennung einer
Oberfläche läßt sich in einem n-dimensionalen Merkmalsraum realisieren, welcher durch
ausgewählte Rauheitskenngrößen nach DIN 4776 aufgespannt wird. Mit Hilfe der Simulation
des Abtrages einer Oberfläche sollen Daten gewonnen werden, die den Aufbau einer
unscharfen Klassierung erlauben.
Letztlich könnte über die Ebene 3 der AE Goetze Honatlas insofern erweitert werden, daß
der Algorithmus in eine Einrichtung zur Produktionsüberwachung eingebunden werden kann.
Literatur
| [1] | Karl Walter Bonfig: Überblick, Grundlagen und Anwendungsmöglichkeiten der Fuzzy Logik; in "Fuzzy Logik in der industriellen Automatisierung" ; expert Verlag 1992. | |
| [2] | JGOETZE-Honatlas: Beurteilungskriterien für die Honung von Zylinderlaufflächen; GOETZE AG 1988. | |
| [3] | DIN 4776: Rauheitsmessung; Kenngrößen Rk, Rpk, Rvk, Mr1 und Mr2 zur Beschreibung des Materialanteils im Rauheitsprofil; Meßbedingungen und Auswerteverfahren. | |
| [4] | Constantin von Altrock: Industrielle Anwendung von Fuzzy-Logic Control; Vortrag auf dem Workshop zur MessComp 1992. | |
| [5] | M. Sander: Oberflächenmeßtechnik für Praktiker; Fa. Mahr Göttingen | |
| [6] | Dr. H. Bodschwinna: Rauheitsmeßtechnik und Kennwerte; Vortrag auf der 2. Fachtagung 1991 Qualität in der Fertigung Honen am IWF Braunschweig | |
| [7] | Intensivseminar "NeuroFuzzy-Praxis"; Unterlagen zum Seminar, INFORM GmbH Aachen 1995 |